Bist du im Orbit?
Diplomausstellung Schillerplatz 06/2022
Minzige Frische im Mund. Oder eine Umlaufbahn, auf der sich ein Körper elipsenförmig um einen Himmelskörper bewegt. Sind wir im gleichen Orbit? Manche fliegen schnell, wechseln die Bahnen, ich bin arrythmisch bisher. In der Mathematik ist ein Orbit die Menge der Zustände, die ein Organismus im Laufe der Zeit einnimmt.
Kurze Begegnungen auf der Straße, wie Schnappschüsse. Ich vertiefe mich ins Material und spiele mit den entstehenden Fragmenten. Öffne eine Form und lasse eine neue hinzukommen, bevor sie sich verfestigt. Ein Störgeräusch und Fragen im Hintergrund. Die Spannung zwischen Ich und Du, Individuum und Kollektiv. Nicht entschieden, sondern flüchtig und in Aushandlung.
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Ich schließe die Augen und setze den breiten Pinsel aufs Papier.
Ein Junge, gestern Abend in der Ubahn. Den Oberkörper weit nach vorne gebeugt, die Hände nach hinten gestreckt. Wie ein Flugsaurier rennt er lustvoll fauchend an den herumstehenden Leuten vorbei. Er beugt die Knie, er wartet, im letzten Moment bevor sich die Türen schließen, macht er einen großen Satz in die Bahn und fährt davon. Ich öffne die Augen und sehe zusammenhangslose Striche und eine angedeutete Hand. Ich verlängere die Linie der Hand bis zum Arm, folge dem Pinsel mit meinen Augen, dann meinem Kopf und spüre, wie sich mein Nacken verkrampft. Kleine, rote Nadelstiche ziehen in meine Schultern und übers Papier.
Ich lege den Pinsel weg, beuge mich nach vorne und lasse den
Kopf hängen. Der Boden ist grün, ich tauche meine Finger ein.



Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?(T. Nagel)
Ich meine nicht die bloße Gefühlsansteckung.
Wie ist es für Dich, eine Fledermaus zu sein?
Das müsstest du mir erzählen.
Wir spielen PingPong.
Das wachsende Verständnis füreinander macht den
Unterschied zwischen dir und mir noch deutlicher.


Ihr Profil hat einen vollständig anderen Ausdruck als ihr Gesicht von vorne, ihr Gesicht wirkt unfertig und hilflos, ihr Profil ist kühl und hochmütig. Sie sagt, hier kommt die Sonne, jetzt geht es los. Sie hält ihre Karten als Fächer in der Hand und lutscht Himbeerbonbons, manchmal betrachtet sie meinen Bruder mit geneigtem Kopf, ihr Blick ist streng, er hat merkwüridgerweise etwas mütterliches. Sie sagt, du lügst wenn du den Mund aufmachst, kann das sein. Dann sieht sie wieder in ihre Karten. Sie sagt, mehr kann ich vorerst nicht anbieten, sie küsst die Luft, legt ihr Blatt mit Eleganz vor sich ab. Sie sagt, so ich habe gewonnen. Ihr habt verloren, das wars. (Judith Hermann – Daheim)



Statt, wie Lacan es tat, vom Drängen der Buchstaben im Unterbewußten müßte man vom Drängen der Organe im Leibe reden, die in ihrer eigenen überdeterminierten Verdichtetheit energetische Horizonte einführen und die epilogische Vernunft vor schwierige Aufgaben stellen. Und auf die Frage: wo sind wir? schreiben wir am Schluß des Epilogs: wir befinden uns gerade in einer Individuationspassage. (Elisabeth von Samsonow – Körper als Passage)



C: Was ich dir gestern noch erzählen wollte – bei dem Treffen am Abend hat der eine Stadtmanager immer von Logi anstatt Logos gesprochen. Hat mich an die verschiedenen Foki erinnert.
L: Ein Oktopus hat in jedem Arm ein eigenes Gehirn. Er hat also mehrere Foki gleichzeitig.
Und: Ich habe gestern mit Fanny geredet. Sie hat gesagt, dass sie die Zeichnungen als eine Haltung der Freiheit empfindet. Find ich gut, zumal ich anfällig bin für äußere und innere Zwänge. Deshalb lege ich meine Foki jetzt ein mal mehr auf die Entzwangung.
C: Ich bin definitiv pro Entzwangung und offen für Tipps und Tricks. Habe gerade eine Zahnreinigung absolviert. Ich bemühe mich, meine Vitalität und Tüchtigkeit unter Beweis zu stellen, oder wie war das noch? Ich sitze jedenfalls im gleichen Boot

